Jetzt haben wir den Salat


Er ist Überzeugungstäter und begeistert, wenn er von "Smart Farming" spricht – dem Anbau von Nutz- und Zierpflanzen mit intelligent gesteuertem künstlichem Licht.

Aber fangen wir vorne an: Timo Bongartz ist Innovationsmanager bei OSRAM in München. „Das Thema“ für ihn ist Pflanzenwachstum mit intelligent gesteuertem künstlichem Licht. Zum Beispiel in einem Gewächsschrank für den Hausgebrauch gedeihen Salate und Kräuter auf Saatmatten mit sparsamstem Wassereinsatz. Statt Düngemitteln und Pestiziden gibt es für die Pflänzchen ein leckeres Lichtmenü: Rot und Blau sind die bevorzugten Farben von Spinat, Rucola und Co. Die richtige Menge zur rechten Zeit – je nach Sorte wohldosiert – und die Pflanzen wachsen vortrefflich im immerwährenden Sommer des Gewächsschranks.

Die Mission: Gesundes Gemüse nachhaltig produzieren

Was auf den ersten Blick unnatürlich erscheint, ist im Grunde nachhaltig – weil effizient, gesund und ressourcenschonend. Die Idee dahinter: Jederzeit erntefrisches Gemüse auf dem Teller. „Vor allem für Menschen, die in der Stadt leben, erfüllen wir hier ein Grundbedürfnis“, erklärt Bongartz. Und das werden immer mehr. Bis 2030 werden zwei Drittel der Menschen auf unserem Planeten im urbanen Raum wohnen. Sie möchten sich dennoch gesund und regional ernähren – das sind die Trends, zumindest in den Industrieländern. Gelingen kann das nur, wenn die Pflanzen vor Ort wachsen: Im eigenen Gewächsschrank – oder weiter gedacht – in Kellern und Lagerhallen könnten Anbauflächen geschaffen werden. „In einer Großstadt bieten sich so viele Flächen, die ungenutzt sind. Denken wir an leere U-Bahn-Schächte oder Hausdächer. Vor allem die direkte Peripherie ist interessant. Dort wo sich auch Gewerbe ansiedelt“, überlegt Bongartz. Und diese könnten wir uns zunutze machen, damit jeden Tag Gesundes auf den Tisch der Städter kommt. Und zwar knackfrisch! Das ist die große Vision.

Mal ehrlich: Wer hätte gedacht, dass gesunde Ernährung ein Thema für OSRAM sein könnte? Dabei passt es perfekt: Mit Licht das Leben der Menschen verbessern. Genau das ist Timo Bongartz’ Leitgedanke, für den er viel Überzeugungsarbeit leistet: „Kurze Transportwege, kaum Kühlung, wenig Verpackung sowie kaum Pestizide und Düngemittel – das erreichen wir mit Smart Farming.“ Aber gute Ideen zu haben ist eines, sie umzusetzen etwas anderes. Dafür müssen wir manchmal umdenken. „Früher haben wir die Pflanzen an die Umwelt angepasst, heute passen wir die Umwelt an die Pflanzen an. Das Licht zum Beispiel. OSRAM kann hier seine Stärken ausspielen und Licht zum Werkzeug der Wertschöpfung machen. Das ist zukunftsweisend.“

„Kurze Transportwege, kaum Kühlung, wenig Verpackung sowie kaum Pestizide und Düngemittel – das erreichen wir mit Smart Farming.“

„Wir fokussieren uns auf die Chancen“

Erst vor zwei Jahren hat Timo Bongartz bei OSRAM angefangen und seither sein Projekt mit großem Elan vorangetrieben. „Ich sehe mich als Intrapreneur – als Unternehmer im Unternehmen sozusagen“, erklärt Bongartz. Dass er bei OSRAM mutige Unterstützer gefunden hat, dafür ist er sehr dankbar. Und davon profitiert auch das Team, das in unterschiedlichsten Disziplinen über den Globus hinweg zusammenarbeitet. Ob von Innovation, Opto Semiconductors oder Specialty Lighting: Im Team arbeiten Softwareentwickler, Biologen, Ingenieure und Business Developer – für jede Dimension des Themas gibt es einen Experten. „Hierarchien spielen keine Rolle, jeder bringt sich voll in das Projekt ein und übernimmt Verantwortung. Wir sind ein vielfältiges Team, aber wir haben gemeinsame Werte. Auch Fehler sind erlaubt – wir müssen mutig sein und uns auf unsere Chancen fokussieren.“

Das Erfolgsgeheimnis: Lichtrezepte

Das Start-up-Unternehmen agrilution, an dem OSRAM seit Mai 2017 beteiligt ist, hat den Prototypen eines Gewächsschranks entwickelt – eine Art Schrebergarten für zu Hause. „Das“, so Timo Bongartz, „ist natürlich ein Lifestyle-Produkt, damit erreichen wir noch nicht das ganz große Ziel.“ Aber – und das ist die Strategie des Teams – OSRAM profiliert sich mit dem Gewächsschrank in diesem noch jungen Markt und baut viel Wissen auf.

„Ich sehe mich als Unternehmer im Unternehmen.“

„Wir arbeiten mit einer Vielzahl an Start-ups und Forschungseinrichtungen zusammen, um ein möglichst breites Anwendungswissen zu erlangen“, so Bongartz. Dabei sind auch Forschungsleuchten mit einer Software im Einsatz, um pflanzenspezifische Lichtrezepte für optimales Wachstum, Aussehen, Geschmack und Inhaltsstoffe zu ermitteln. „Jede Pflanze besitzt andere Lichtanforderungen. Das ist auch für die Kosmetik- und Pharmaindustrie hochinteressant“, spannt Timo Bongartz einen noch größeren Bogen. „Mit der richtigen Lichtintensität und -farbe können wir sehr feinsinnig die Entwicklung bestimmter Wirkstoffe steuern.“

 

OSRAM möchte beim Thema Smart Farming ganz vorne dabei sein. „Wir sehen das große Potenzial für unsere LED-Komponenten, wo wir schon jetzt Weltmarktführer sind. Mit Kooperationen wie agrilution erweitern wir unsere Wertschöpfung um komplette Lichtlösungen. Und mit unserer Forschungsleuchte bewegen wir uns in Richtung vernetzte Lichtsysteme, optische Sensoren und intelligente IoT-Plattformen.“

  • Erntefrisch: Maximilian Lössl, Gründer des Start-ups agrilution, und Timo Bongartz probieren den knackigen Salat aus dem eigenen Gewächsschrank.

„Das Potenzial ist enorm“

Die Konzepte für die Ernährung der Zukunft reichen von Frischeschränken in Supermärkten über die Belieferung des Einzelhandels aus vertikalen Farmen in großen Lagerhallen bis hin zu Hightech-Gewächshäusern. „Das Potenzial ist enorm“, ist auch Bongartz überzeugt. Doch nichts geschieht von heute auf morgen. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, aus diesem Ansatz eine Wachstumsstrategie abzuleiten“, erklärt Bongartz. „Denn wir müssen heute säen, damit wir übermorgen ernten können.“

„Wir müssen heute säen, damit wir übermorgen ernten können.“

Ein neues Denken ist gefragt, das vielleicht auch bricht mit manch gewohnter Vorstellung. Aber es geht hier nicht um die Abschaffung des Bauerngartens, sondern um das Hinterfragen der industrialisierten Landwirtschaft – und um die neue Rolle von OSRAM bei der Bewältigung von Zukunftsfragen. Gemüse aus der Lichtfabrik wird nicht alle Probleme lösen, aber – da ist Timo Bongartz sicher – es wird eine wichtige Rolle im Ernährungsmix der Zukunft spielen. Dann steht er auf und verabschiedet sich. Mittagessen in der Kantine. Am liebsten einen knackigen Salat.

Video über eine Forschungskooperation mit der Michigan State University zu Lichtrezepten. Lesen Sie hier auch ein Interview mit David Hamby – der verantwortliche Projektleiter von OSRAM für die Kooperation mit der Michigan State University (MSU). Gemeinsam mit der MSU forscht er nach neuen Wegen, um den Anbau von Pflanzen in Gebäuden effizienter und wirtschaftlicher zu machen.

FRAGEN UND ANTWORTEN

Welche Rolle spielt das OSRAM-Licht?

Das künstliche LED-Licht spielt eine ganz besondere Rolle: Denn durch gezielte Lichtsteuerung lassen sich Ertragsmengen steigern, Wachstumszeiten verkürzen und der Geschmack sowie Wirkstoffe in Pflanzen ausprägen. Hierzu ist natürlich auch die entsprechende Sensorik und Software von OSRAM im Einsatz. Zudem ist mit künstlichem Licht eine ganzjährige Produktion möglich.

 

Warum sprechen wir eigentlich manchmal von „Vertical Farming“?

Das bedeutet einfach, dass die Pflanzen auf mehreren Ebenen übereinander, also vertikal, wachsen. So gedeihen mehr Pflanzen auf kleinstem Raum.

 

Warum wird so wenig Wasser verbraucht?
Der größte Teil des Wassers in der herkömmlichen Landwirtschaft verdunstet oder versickert. Beim vertikalen Anbau kann ein geschlossener Kreislauf erzeugt werden – das Wasser wird wiederverwendet.

 

Schmeckt das?
Die Gemüse und Salate schmecken genau so gut wie aus dem Supermarkt – wenn nicht sogar besser. Denn Pflanzen werden reif geerntet und landen ohne lange Transportwege frisch auf dem Tisch: „From Farm to Fork“ sozusagen.

Mehr über das Start-up agrilution und unser Zukunftsthema Smart Farming im neuen ON-Magazin unter www.osram-group.de/innovation