Die Elektronengehirne kommen


Unser Archiv-Fundstück zeigt, wie sehr die damaligen Befürchtungen und Visionen der heutigen Debatte um die Digitalisierung ähneln.

„Sind sie die Sklavenhalter der Zukunft, die in den kommenden Jahren das Herrschaftssystem der geistigen Sklaverei des Menschen errichten werden?“ Diese provokante Frage stellte das OSRAM-Mitarbeitermagazin im Jahr 1969. Gemeint waren die Computer, damals auch als Elektronengehirne bezeichnet. Klingt der Begriff heute verstaubt und nahezu niedlich, gehörte er doch zu den offiziellen Ausdrücken des frühen Computerwortschatzes.

 

Die Ausstattung mit Computern zählte 1969 zwar noch nicht zum Standard, jedoch ermutigte OSRAM seine Berliner Mitarbeiter, sich mittels neuer Schulungen intensiv mit dem Thema der elektronischen Datenverarbeitung zu befassen. Die reißerische Frage über „Manipulation seelenloser Mächte in die letzten Reservate persönlicher Freiheit“ beantwortete das Magazin prompt sehr vernünftig: Dabei handle es sich um einen unsinnigen Vorwurf. Vielmehr sei der Computer als Hilfsmittel zu sehen, der unser Gehirn von „ermüdenden, langweiligen und für dieses hochentwickelte Organ unwürdigen“ Aufgaben befreien könne. Die Prognose lautete: In einem Jahrzehnt sei der Computer so selbstverständlich wie das Telefon.

 

Tatsächlich war OSRAM eines der ersten Unternehmen, die seit der Internationalen Funkausstellung 1983 mit einem eigenen Rechneranschluss vertreten waren. Schon seinerzeit erkannte die Geschäftsführung den Einsatz moderner Informationstechnologien als „entscheidende Waffe im Wettbewerb“, die konsequent und rechtzeitig eingesetzt werden müsse, um nicht im Kampf um die Marktposition zu unterliegen. Manche Aussagen verlieren ihre Aktualität eben auch nach mehr als 30 Jahren nicht.